Künstler und Künstlerinnen machen mobil gegen Ecopop: der Beitrag von Etrit Hasler anlässlich der Kundgebung vom 1. November.

Der folgende Beitrag kann Spuren von Ironie, Sarkasmus, Übertreibung und Zuspitzung enthalten und hat das Potential, Öko-Sozis, Waldrandhippies und -hippinen, Vorstadtveganer, figinen und fidjifetischisten, Nachhaltigkeitsnachholer, Suffizienzsäufer, und 200 Watt Wischiwaschis nachhaltig zu beleidigen und/oder einen ziemlich überhöhten unökologischen Fussbabdruck auf ihren virtuellen Hinterteilen zu hinterlassen. Aber wie man bei uns in St.Gallen zu sagen pflegt: «Da isch Kunscht, du Schoofseckel». Was nicht bedeutet, dass ich falsch liege.

Ich versteh das alles nicht mehr. Wisst ihr, bei der SVP, da weiss ich wenigstens jeweils, woran wir sind. Die sind halt mit ihrem Welt Bild einfach ein Bisschen in den Dreissiger Jahren stecken geblieben und hätten gern die gute alte Zeit zurück. Also nicht alles, natürlich. Nur die Autobahnen. Und die Frauen am Herd, wenn sie nicht gerade gute weisse Babies in die Welt ploppen. Und die Lager. Also nicht für die Juden, nein, wo denkt ihr hin. Nur für die Asylbewerber. Und die Roma. Und die Schwulen, sofern sie nicht geheilt werden können. Nur Lager, ja? Also ich muss euch schon bitten. Naja, also den einen oder anderen gibt‘s da schon, der mal eine Kristallnacht fordert. Oder dass man den Islam ausrotten müsste. Aber das sind nur Einzelfälle. Ich schweife ab, denn ich versteh das alles nicht mehr. Also das Weltbild mit den Dreissiger Jahren, das versteh ich schon. Da weiss ich wenigstens, was die wollen und wie man so etwas nennt, wenn die plötzlich wieder in den Strassen stehen und den Fussballhoooligans einen noch schlechteren Namen geben. Aber Ecopop? Keine Ahnung.

Ich weiss nicht, ob die Ecopop-Initianten Rassisten sind, unheimliche Ökologen, oder einfach unheimlich naive Waldrand-Fetischisten mit Wollpullovern, die sie auf irgendeiner dieser Websites bestellt haben, betrieben von einem bekifften Hippiepärchen in Colorado, mit Strom, der aus den Atomkraftwerken an den Stadträndern kommt, auf der sie Produkte vertreiben, die über so viele Zwischenhändler gegangen sind, dass es zum Schluss reicht, kein schlechtes Gewissen zu bekommen, wenn sich eines Tages herausstellt, dass die vermeintlich nachhaltig produzierten Textilprodukte dann eben doch aus einer pakistanischen Kinderfabrik stammen, die längst niedergebrannt und eingestürzt ist, lange bevor die Klagen kommen. Und natürlich, die Welt ist verdammt komplex geworden. Sogar Lukas Reimann bestellt seine Wahlflyers schon in Osteuropa, weil das alles so verdammt unübersichtlich geworden ist. Da darf man sich durchaus auch mal irren. Bloss weil made in Switzerland drauf steht, heisst das nicht, dass da die EMRK nicht zuständig ist.

Ich versteh das alles nicht mehr. Ich weiss nicht, wer diese Menschen sind, die auf die Idee kommen, mit ein paar Tropfen Entwicklungshilfe auf den heissen Wüstenstein die Welt retten zu können. Oder dass zehn Prozent einer Entwicklungshilfe reichen sollen, wenn sie in den letzten Jahren auf allen Ebenen zusammengekürzt wurde, im Bund, in allen Kantonen und in all ihren ihren abgeschotteten Speckgürtelgemeinden, wo sie den Traum von Heidiland weiterträumen, die Schweizer Fahnen gehisst über Siedlungen aus Schrebergärten und Einfamilienhäusern am Waldrand, in denen es keine Asylbewerber gibt und keine Sozialhilfebezüger, weil die ersten werden in Bundeszentren gelagert unter Bedingungen, die wir keinem Tier mehr zumuten würden, und den zweiten verbieten wir ein Auto zu haben, womit ihnen nichts anderes übrig bleibt als in die Städte zu ziehen, zu dem ganzen anderen Abschaum, zu uns. Denn bei uns, in Zürich, St.Gallen, Winterthur, Luzern, Genf, Basel und Bern, da ist immer noch Platz. „Gebt mir eure Müden, eure Armen, Eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren, Den elenden Unrat eurer gedrängten Küsten;“ Der Satz könnte wichtiger nicht sein, auch wenn ihn ausgerechnet jenes Land, für das er einst stand, vergessen hat. In unseren S-Bahnen ist auch Platz für 12 Millionen Menschen, wenn wir es endlich mal schaffen, die Tasche vom Sitz zu nehmen. Nur genügend Waldrand für alle hat‘s nicht. Wieso schlagen die eigentlich nicht vor, in Afrika Wald zu pflanzen?

Und sowieso: Wo war Ecopop eigentlich die letzten vierzig Jahre? Wenn sie verhindern wollten, dass unsere schöne Natur zugebaut wird, wo waren sie, als wir über Raumplanung abstimmten? Wo waren sie, als wieder einmal jemand die verdammte Schnapsidee hatte, olympische Spiele in unseren Berggebieten zu veranstalten? Wo war Ecopop, als sie das Bündnerland zugebaut haben und das Wallis und die beiden Appenzell?

Aber klar, schuld sind eh immer die anderen. Die Ausländer kommen ja hierher und nicht umgekehrt. Als ob wir die gerufen hätten. Mit unserer Unternehmenssteuerreform und unserer Pauschalbesteuerung und unserem Bankgeheimnis und unserem Wirtschaftswachstum. Ist doch lächerlich. Ich meine, wenn man in einem Land ohne Arbeitslosigkeit neue Firmen ansiedelt, wer kommt da schon auf die Idee, dass da plötzlich Menschen hinterher strömen? Aber die von Ecopop habens verstanden. Das Grundproblem ist ja schliesslich dieses eine: Es gibt so viel mehr
Ausländerinnen und Ausländer auf der Welt als Schweizerinnen und Schweizer. Da muss man doch irgendetwas dagegen tun, oder? Wieso nicht Familienplanung? Das ist doch eine wunderbare Sache, oder? Dafür haben wir auch in diesem Land dreissig Jahre lang gekämpft. Pillen und Spiralen und Fristenlösung, das ganze Programm. Das ist ein Menschenrecht. „Mein Körper gehört mir,“ so lange ist der Slogan noch nicht verklungen in diesem Land. Und seien wir ehrlich, wenn die einzige Perspektive für so ein junges Leben darin besteht, von Angelina Jolie adoptiert zu werden, dann doch lieber gleich nicht geboren werden, oder? Da ist es doch gar nicht so abwegig, wenn man da mal vorbeigeht und denen hilft. „Du, Neger, dein Körper gehört mir“. Hatten wir den Satz nicht auch schonmal?

Findet ihr das zynisch? Ich auch. Aber das scheinen die Gedanken zu sein, die sich Ecopop die letzten vierzig Jahre gemacht und zum Schluss in diese Überfremdungsinitiative gegossen hat. Und vielleicht habe ich mich geirrt. Aber vielleicht habe ich es eben doch verstanden. Vielleicht habe ich das alles viel zu genau verstanden.